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 Einführung

"Wir laden zu aktiver Mitgestaltung und Beteiligung ein". 
Leitsatz 9 der Evangelischen Kirche von Westfalen 

Aus dem Leitbild "Unser Leben - Unser Glaube - Unser Handeln" 

Ein Schlüsselerlebnis 

Endlich ist es soweit: An ihrem 18. Geburtstag wird Gruppenleiterin Jule aus Witten an der Ruhr der Schlüssel zum Gemeindehaus überreicht. Schon länger ist sie Leiterin des Offenen Treffs, der jeden Montag nach der Teamerschulung im Gemeindehaus zusammen kommt. Nun darf sie auch eigenverantwortlich den Raum auf- und zu schließen und Gruppenstunden ohne eine erwachsene Person im Jugendtrakt durchführen. Diese nun auch sichtbare Verantwortungsübernahme ist für sie ein Schlüsselmoment, wie sie noch Jahre später, längst langjährige Presbyterin in ihrer Kirchengemeinde, erinnert. Sie steht symbolisch für die gelungene Teilhabe am kirchlichen Leben: Jule ging durch die verschiedenen Etappen der evangelischen Jugendarbeit hindurch: Nach der Konfirmation wirkte sie schnell als Teamer bei Freizeiten und im Jugendgottesdienst mit. Mit 16 wurde sie Jugendausschussmitglied, leitete diesen mit 20 Jahren für eine zweijährige Amtsperiode und engagierte sich seit ihrem 22 Lebensjahr im Presbyterium. Durch sie haben wiederum eine große Zahl an Jugendlichen im gemeindlichen Leben ein Zuhause und einen Ort gefunden, an dem sie ihre Jugendzeit gestalten können und selbstwirksame Erfahrungen machen können.  

 Jung, engagiert und eigenwillig - Jugendliche als Teilhaber*innen 

Ein Fachtag des Amtes für Jugendarbeit der EKvW zum Thema "Jung, engagiert und eigenwillig – Die Zukunft der Kirche?!“ im Februar 2019 in Haus Villigst/Schwerte brachte einen der wichtigsten Faktoren für eine gelingende und segensreiche Jugendarbeit auf den Punkt: „Nur wenn es gelingt, junge Menschen auf allen Ebenen zu Akteuren kirchlichen Handelns werden zu lassen, werden diese die Kirche der Zukunft bilden.“  
Diese Analyse hat nicht nur unter Aspekten jeder kybernetischen (gemeindlichen) Organisationsentwicklung eine innere Logik und Stringenz ("Wer als junger Mensch in seiner Zeit der kirchlichen Verbundenheit nicht den Sprung vom Teilnehmenden zum Teilhabenden macht, dem wird dies in späteren Zeiten schwerer gelingen…"). 
Sie baut auch auf ein demokratische Grundverständnis auf, das nicht nur der Würde des Menschen entspricht, sondern in der gelebten Praxis zur Persönlichkeitsentwicklung führt, dem gemeinsamen Ziel und Auftrag pädagogischen Handelns in und auch außerhalb von Kirche.    

Blick über den kirchlichen Tellerrand 

Das Recht auf Teilhabe (Participation) ist gemäß der UN-Kinderrechtskonvention neben dem Recht auf Schutz (Protection) und Verpflegung (Provision) das dritte Menschenrecht dieser von den Staaten der Vereinten Nationen verfassten Erklärung die 1989 angenommen und 1990 in Kraft getreten ist. Die bisher 196 unterzeichnenden Staaten (Stand 2022) haben sich dabei verpflichtet, die Kinderrechte zu wahren und die Konvention in Gesetze, Verordnungen und andere Regelungen aufzunehmen.  
Mit der aktuell für die EU beschlossenen und z.B. im Land NRW diskutierten Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahren sowie der zunehmenden Implementierung von verpflichtenden Beteiligungsformaten im gesellschaftlichen Leben nimmt dieser Gedanke ganz konkrete Formen an. Auch die Bunderegierung zielt mit ihrer 2019 beschlossenen Jugendstrategie auf eine stärkere Beteiligung von jungen Menschen.  

Die Christusgeschichte kennt keine Zuschauer*innen 

Solche Gedanken haben in der christlichen Geschichte eine lange Tradition: ´Die Christusgeschichte kennt keine Zuschauer´, reflektierte der Theologe Karl Barth in seinem Tambacher Vortrag im Jahr 1919 in Bezug auf die Teilhabe an der Gottesgeschichte, die "in uns und an uns" geschieht.

Paulus beschreibt Gemeinde als Organismus (Ein Leib - Viele Glieder). Und der Epheserbrief beschreibt in Blick auf die echte Teilhabe von Heidenchristen: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. ( Eph 3,6) 

Diesen Geist der Teilhabe für die Jugendarbeit übertragen kann ja nur bedeuten: Die beste christliche Jugendarbeit ist nicht die, die für Jugendliche stattfindet, sondern mit und maßgeblich von ihnen gestaltet wird. In denen sie in Erfahrungsräumen selbstwirksame und persönliche Anteilnahmen an Leben, Glauben und Handeln erleben. Dass dies nicht nur in Bezug auf die Gestaltung von einzelnen Programmelementen sinnvoll ist, sondern auch in Bezug auf eine weitreichende Übertragung der Handlungsverantwortung und eine selbständige Entscheidungsfindung ist eine Grundannahme der Demokratiepädagogik, die auch in der Evangelischen Jugendarbeit eine Grundlage für gemeindliche, verbandliche und offenen Arbeit bildet. Kurz zusammengefasst: Es ist ein Gütesiegel evangelischer Jugendarbeit, junge Menschen an Meinungsbildung und Entscheidungen in Bezug auf Themen, die sie betreffen, zu beteiligen und zu Akteur*innen in eigener Sache zu machen. Partizipation und damit das Erleben von Selbstwirksamkeit ermöglicht Persönlichkeitsentwicklung. 

 Der hier vorgelegte Leitfaden unterstützt Gemeinden dabei, passgenaue Beteiligungsformate für ihre Gemeindearbeit zu entwickeln. Sie reflektiert dabei die Leitungsverantwortung die Presbyterien in Blick auf ihre Arbeit mit Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zukommt. Sie beschreibt Möglichkeiten und Modelle, Gestaltungsmöglichkeiten je nach Bedarfen vor Ort zu delegieren und damit einer größeren Zahl an (nicht nur jungen) Menschen echte Teilhabe an unserer Evangelische Kirche zu ermöglichen.   Die Mitarbeitenden, die an der Entwicklung dieser Orientierungshilfe beteiligt waren, sind sich einig: Wir brauchen als Kirche Jesu mehr solche Schlüsselerlebnisse wie oben beschrieben. Mehr KeyPersons, die nicht nur Gebäude aufschließen, sondern Erfahrungs- und Resonanzräume, in denen der Geist Gottes in, mit und durch Menschen wirken kann.  

Christian Uhlstein, Bianca Rolf, Burkhard vom Schemm , Lara Sobbe, Simone Osterhaus

 

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